Nun bin ich wieder zurück nach sechzehn Tagen Türkische Ägäis,
dreißig Grad im Schatten und reichlich Trubel, sitze ich endlich
wieder auf der Couch.
Ich habe noch nie Cluburlaub gemacht, all in war immer das was
andere machen und über die Armbänder habe ich immer nur
gelächelt.
Aber egal nach 20 Jahren Kapitalismus, Minimalisten-Urlaub im
eigenen Land und Exoten Urlaub überall, wo man in maximal drei
Flugstunden sein kann, enge Stahlröhren sind mir ein Graus, habe
ich mir gesagt, man muss alles einmal ausprobieren.
Also Türkei, aller schlechten Propaganda derzeit zum Trotz, habe
ich den Urlaubrezensionen vertraut.
Die ersten Tage war unentwegt damit beschäftigt, mich in der großen
Anlage zu verirren. Überall wimmelte es von Menschen, die
beschlossen hatten, nur noch in Badeklamotten den Dingen seinen
Lauf zu lassen und die Wege zwischen den Bars und den Pools platt
zutreten. Das introvertierte Es in mir hasst Menschenansammlungen,
besonders bei Mahlzeiten.
Am Strand konnte ich mit Hilfe meines vollgefüllten Ipods wenigsten
akustisch abtauchen. Am schlimmsten fand ich die Hellhörigkeit des
Hotelzimmer im Bungalow Stil, die Eifrigkeit des Zimmermädchens,
das immer dann klopfte, wenn zahllose Wiedereinschlafversuche am
frühen Morgen endlich wieder geglückt waren. Ich hasse
Umsechuhrfrühaufsteher, besonders wenn sie extrem laut sind.
Aber am liebsten waren mir die Animationsgruppe aus Frankreich, die
von sich selbst gelangweilte große Schlanke mit Zahnspange, der
kleine aufgeregte schwarze Pflasterträger und der 260%
extrovertierte Möchte-gern-DJ. In den ersten Tag fand ich die
französische Moderation ihrer Animation noch ganz interessant,
schließlich klingt französisch im allgemeinen so kultiviert. Nach
dem vierten Tag fiel auch das mir unheimlich auf die Nerven, ich
sehnte mich nach ein wenig englisch nur um wenigstens ein paar
Brocken zu verstehen.
Ich hatte drei Bücher dabei, das Sarrazin-Buch, Deutschland 2.0 -
die vorläufige Bilanz der Einheit und Tiefe Wunden. Das
Sarrazin-Buch las ich in den ersten vier Tagen, danach die Bilanz
und abschließend glücklicherweise den Krimi. Das Sarrazin Buch
hätte ich nach einem Tag fast hinter die Couch des Hotelzimmers
geworfen, nicht weil ich zu der Fraktion der extrem Gutmenschen
gehöre, eher weil ich ein gutes Sachbuch schätze. Ich überlege
immer noch darüber eine Rezension darüber zu schreiben, weil mich
einige Seiten extrem genervt haben. Von Deutschland 2.0 war ich
ebenfalls enttäuscht, aber weniger als beim ersten Buch.
Glücklicherweise machte mich dann das Buch von Nele Neuhaus
glücklich, es war nicht zu kompliziert und doch so spannend
geschrieben war, dass ich die drei Frauen aus dem Ruhrpott, die auf
den drei Liegen vor mir lagen, völlig vergessen konnte. Bei ihrer
Art Smalltalk habe ich mir gewünscht, sie hätten sich in der
Landessprache unterhalten.
M. übersah die ganze Zeit meine schlechte Laune, wahre Liebe sag
ich doch und sie wünschte sich eine Urlaubsbekanntschaft. Einmal
einen Wunsch geäußert und er wurde dann auf unserem ersten Ausflug
prompt erfüllt. Bernd und Christine aus Berlin, beide hatten keine
3 in der Altersangabe. Während ich mich noch mit meinen
Rückenschmerzen selbst bedauerte, erzählte mir Bernd, das er schon
mehrere Jahre an Leukämie leidet und schon eine
Knochenmarkstransplantation hinter sich hatte. In diesem Augenblick
habe ich mich für mein Selbstmitleid geschämt. Ich habe die
Krankheit mit dem großen K schon in meiner eigenen Familie erlebt
und seither habe ich für Menschen, die daran erkrankt sind, statt
Mitleid und Berührungsängste immer sehr viel Bewunderung.
Wir liefen uns immer mal wieder über den Weg, tranken mal ein Bier
zusammen, noch besser Tee, den ich ständig aus diesen kleinen
Glastassen trank.
Ich fand die Türkei, die Landschaft, die Menschen recht
interessant, Cluburlaub werde ich wohl nicht mehr machen.
Alles hinterlässt in meiner Erinnerung nur noch ein Gefühl, es war
ein letzter Abstecher in den Sommer.